Ein Magier in Tansania

Harry Keaton in Afrika

Endlich geht es nach Afrika: Ich will die Projekte von Streetkids International und seinem Initiator Daniel Preuß mit eigenen Augen sehen und erleben. Tansania gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Wie wachsen die Kinder auf, die ihre Eltern verloren haben? Wie funktioniert das Schulsystem? Was leistet Streetkids für die Kinder?
Natürlich werde ich auch als Magier auftreten und bin ungeheuer neugierig auf mein Publikum. Der Glaube an die Magie der Ahnengeister und an magische Rituale ist in Afrika tief verwurzelt. Auch Voodoo ist Bestandteil des Volksaberglauben: Mit Trommeln und beim Trancetanz werden die Geister beschwört. Wie werden die afrikanischen Kinder und Erwachsenen wohl auf Zauberkunst „Made in Germany“ reagieren?

Ankunft
Von Frankfurt/Main fliege ich über Zürich nach Dar Es Salaam – der wichtigsten Stadt Tansanias. Von dort ist es etwa eine Stunde Autofahrt nach Mwandege. Hier begegne ich am nächsten Morgen erstmals den Waisenkindern von Streetkids: „Habari za asubuhi“ heißt auf Swahili, „Guten Morgen“. Die Kinder nähern sich neugierig. Sie berühren mich halb erstaunt, halb ungläubig. Weiße sind hier eben eine Seltenheit. Aber bald verlieren die Kinder ihre anfängliche Scheu. Nach weiteren Minuten bin ich eine Art lebendes Klettergerüst, das es zu erkunden gilt. Die großen Kinderaugen, das entwaffnende Lachen, die grenzenlose Neugierde … ich tauche in eine andere Welt ein. Schon bei der ersten Begegnung mit den Kleinen spüre ich, was die Macher hier motiviert und antreibt. Wenn sie zu Daniel Preuß kommen, sind sie anfangs meist unterernährt und ganz allein auf der Welt. Hier erfahren sie zum ersten Mal, was Geborgenheit bedeutet. Hier lernen sie, was Glück ist. Für die Kinder ist diese Gemeinschaft wie ein Sechser im Lotto. Nein, sie werden nicht überschüttet mit Spielsachen wie in Deutschland. Trotzdem wissen sie, wie man spielt: Ganz beliebt ist natürlich Fußball, aber auch eine Art Völkerball mit einem sandgefüllten Sack. Aus Bruchstücken bunter Fliesen werden Mosaiken zusammengesetzt. Es braucht eben nicht viel, um glücklich zu sein – das führen die Kinder den europäischen Besuchern eindrucksvoll vor Augen.

Schule
Auf dem Streetkids‐Gelände gibt es eine Preschool. Wir besuchen zudem eine Missionary School und eine Public School – die Mwandege School. In der Public School werden in einem Klassenzimmer bis zu 200 (!) Kinder unterrichtet. Hier läuft nichts ohne Frontalunterricht und in der Regel antworten die Schüler im Chor. Nach der Primary School, bis zur 6. Klasse, besuchen die Kinder die Secondary School, die sie zum Besuch der Hochschule berechtigt. Daniel Preuß unterstützt die Public School. Hier gehen „unsere“ Waisenkinder zur Schule, hier wollen wir neue Klassenzimmer bauen.

Auftritte
Die Magie ist eine universelle Sprache – wie oft durfte ich das schon erfahren. Obwohl ich vor Ort überrascht bin, wie viele Waisenkinder schon Englisch verstehen und zum Teil sprechen, zeige ich Magie, die sich auch ohne weitgehende Sprachkenntnisse mitteilt. Als ich einen 100‐Schilling‐Schein in einen Zehntausender verwandle, ist kein Halten mehr. Fast die ganze Klasse hält mir Banknoten hin, auf dass ich auch ihr Geld vermehre.
Die Träume der Menschen sind eben uralt und auf allen Kontinenten gleich. Am Ende der Vorführung schenke ich unseren wunderbaren Kindern einen Zaubertrick aus Kunststoff – einen kleinen geschwungenen Haken in leuchtendem Gelb. „Asante“, sagen sie, „Danke!“ Noch am nächsten Tag halten die Kinder ihn in den Händen, haben ihn beim Essen dabei oder klemmen ihn hinters Ohr: “They will never forget you“, sagt ein Verantwortlicher im Waisendorf und erst allmählich begreife ich, wieviel den Kindern mein Auftritt bedeutet hat.
An der öffentlichen Schule ist man anfangs vorsichtiger – Josef, der Schulleiter, formuliert seine Bedenken: Offenbar hat ein afrikanischer Voodoo‐Zauberer hier einmal mit Eiern gezaubert. Daraufhin hätten die Hühner im näheren Umkreis keine Eier mehr gelegt. Vorsorglich bittet er um eine Liste aller Effekte, die ich zeigen wolle. Die Bedenken erweisen sich als unnötig: Die überwiegend muslimischen Kinder sind begeistert, bei den Lehrkräften schwindet die Skepsis und auch die Hühner legen weiter munter Eier. Beim Staunen machen die Afrikaner andere Leute als wir Europäer. So höre ich immer wieder ein helles „Giiii“ – diesen Ausdruck des Staunens habe ich hier zum ersten Mal gehört.
Vieles wird mir von dieser Reise für immer in Erinnerung bleiben. Unser Besuch im Rufiji‐Distrikt zum Beispiel. Da besuchen wir mitten im Busch die frühere Heimat „unserer“ Kinder. Wir sprechen mit dem Dorfältesten, ohne dessen Zustimmung hier gar nichts geht. Und so sitzen wir, schwatzen und lachen mit den letzten Angehörigen der Kids. Hier scheint es keine Zeit zu geben: „Eile“, sagt ein afrikanisches Sprichwort, „pflegt ein schwächliches Kind zu gebären.“ Die Frauen tragen farbenprächtige Tücher. Die Kleidung der Männer ist in den meisten Fällen alt und verschlissen. Mit dem Verkauf von getrockneten Fischen, Cashewnüssen (Tansanias Exportartikel Nummer eins) oder Kochbananen halten sie sich über Wasser. Die älteren Dorfbewohner haben nur noch ein paar Zähne im Mund. Aber hier, in der Gemeinschaft ihres Dorfes, werden sie vielleicht mit mehr Würde alt als mancher in einem deutschen Pflegeheim. Trotz Armut sind alle überaus herzlich und es wird viel gelacht.

Mit kleinen Mitteln lässt sich hier ungeheuer viel bewegen. Wir bauen in Tansania – bauen Sie mit, helfen Sie mit: „Asante. Asante sana!“

www.harrykeaton.de

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